Abschlussprüfungen

Der Sulzer, Ausgabe 278, Juni 2013, Seite 17 + 18

Liebe Leserinnen und Leser in und um Sulzbach,
viele Grüße aus Ihrem Partnerkreis Bassila in Benin, Westafrika. Erinnern Sie sich noch an Ihren eigenen Schulabschluss? Oder steckt dieses Jahr eines Ihrer Kinder in den Prüfungen?

Auch hier geht das Schuljahr gerade zu Ende, und die großen Ferien stehen vor der Tür. Aber viele Schüler sind noch sehr eingespannt, denn sie haben im Juni ihre großen Abschlussprüfungen. Es gibt drei offizielle staatliche Schulabschlüsse: Nach der 6. Klasse am Ende der Grundschule, und dann nach der 10. Klasse die “Mittlere Reife” und nach der 13. Klasse das Abitur. Dies sind externe Prüfungen, die landesweit gleich sind und zentral und anonym von ausgewählten Lehrern benotet werden. Sie finden im Juni in drei aufeinanderfolgenden Wochen zeitgleich im ganzen Land statt.

Im Kreis Bassila gibt es inzwischen eine ganze Reihe weiterführender Schulen. Es werden noch neue eröffnet, und in bestehenden werden neue Klassenstufen angeboten und die Räume dafür gebaut. Aber bisher haben nur zwei dieser Schulen Abiturjahrgänge. Im nächsten Jahr werden es vier sein.

Eine 13. Klasse in Bassila
Eine 13. Klasse in Bassila

Für die Abiturprüfung mussten die Schüler bis vor zwei Jahren noch 85 Kilometer nach Norden reisen und dort in Djougou die ganze Woche übernachten. Seit letztem Jahr ist nun Bassila das Prüfungszentrum für unseren Kreis. Die 264 Bassilaer Prüflinge müssen also dieses Jahr nicht mehr reisen, und die 108 Prüflinge aus Aledjo haben es nicht mehr so weit.

Für die “Mittlere Reife” war Bassila bis vor zwei Jahren das einzige Prüfungszentrum im gesamten Kreis, und die Schüler der umliegenden Orte mussten anreisen. Dann kam Aledjo als ein zweites Zentrum dazu. In der Prüfungswoche haben viele Familien in Aledjo und Bassila mehrere Kinder von Verwandten und Bekannten zu Besuch, die für ihre Prüfungen kommen. Allein in Bassila werden dieses Jahr 899 Zehntklässler zur Prüfung erwartet.

Unterricht in einer 10. Klasse
Unterricht in einer 10. Klasse

Es ist hier längst nicht selbstverständlich, dass man die Prüfungen besteht. Letztes Jahr haben im Landesdurchschnitt nur 25% ihre Mittlere Reife bestanden. Bei der Abiturprüfung vor einigen Jahren waren es sogar einmal nur 10%. In Bassila bestanden letztes Jahr 28,34% ihre mittlere Reife und 41,42% ihr Abitur. Üblicherweise wünscht man den Prüflingen hierzulande “Viel Glück”. In den Kirchen und Moscheen wird vor den Prüfungen intensiv für sie gebetet.

Wer bei einer externen Prüfung durchgefallen ist, darf die Klassenstufe ein Mal wiederholen und die Prüfung auch. Danach muss man entweder die Schule wechseln oder sich als “freier Kandidat” zur Prüfung anmelden. Für das diesjährige Abitur werden in Bassila ca. 50 “freie Kandidaten” erwartet, die dieses Schuljahr an keinem Unterricht mehr teilgenommen haben. In den Monaten vor den Prüfungen werden für sie gezielt private Nachhilfe- und Wiederholungsstunden angeboten.

Bei der “Mittleren Reife” geben viele nach dem ersten Mal auf und gehen ohne Abschluss von der Schule ab. Andere junge Leute haben fünf Anläufe unternommen und ihr Abi trotzdem leider nicht geschafft. Aber ein Bekannter von uns, ein Familienvater mit fünf Kindern, meldete sich vor ein paar Jahren noch zur “Mittleren Reife” an und bestand. Oder ein Journalist vom Radio bestand sein Abitur, nachdem er schon mehrere Jahre im Berufsleben stand. Alle versprechen sich von einem Abschluss bessere Berufschancen, aber das erfüllt sich nicht immer.

Und warum sind die Prüfungen so schwierig? Der Direktor vom Gymnasium 1 in Bassila führt mehrere Gründe an: Viele Schüler konzentrieren sich nicht ernsthaft aufs Lernen, sondern verbringen lieber ihre Zeit mit Musik, Mode und Ausgehen. Außerdem wurden die Lehrpläne in den letzten Jahren dreimal umgestellt. Und bei den großen Klassen von 50 oder mehr kann man die Schüler nicht individuell begleiten.

Aber das größte Problem ist der Lehrermangel und damit die schlechte Qualität des Unterrichts. Die Schülerzahlen steigen ständig, und es gibt nicht genug ausgebildete Lehrer. Deshalb müssen sich alle Schulen mit vielen Aushilfslehrern behelfen. Das sind junge Leute mit Abitur oder mit angefangenem oder abgeschlossenem Studium; aber eine Ausbildung als Lehrer haben sie nicht.

Viele Kinder sind in ihren Familien die erste Generation, die überhaupt zur Schule geht. So können ihre Eltern nicht nachvollziehen, wie es ihnen geht und sie oft auch nicht gut unterstützen oder ermutigen. Und Schulbücher können sich nur die wenigsten leisten.

Wir sehen auch, dass Französisch als Unterrichtssprache eine weitere Hürde ist. Nur wenige sprechen es hier als Muttersprache. Alle lernen es zwar in der Schule, aber es ist viel schwieriger, in einer Fremdsprache neue Inhalte aufzunehmen als in der eigenen Sprache. Im Unterricht verstehen die Schüler längst nicht alles und lernen vieles nur auswendig.

Wir finden es sehr ermutigend, wie viele Kinder trotz aller Herausforderungen inzwischen zur Schule gehen. Alle lernen viel, selbst wenn es nicht für einen Abschluss reicht. Und Ihnen ein herzliches Dankeschön für Ihr Engagement für Schulbildung in Bassila im Rahmen der Städtepartnerschaft!

Bleibt mir nur noch, den Prüflingen in Bassila und Sulzbach in diesem Jahr viel Erfolg zu wünschen!

Bis zum nächsten Mal!

Viele Grüße,
Stefanie Zaske

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