Öffentlicher Personennahverkehr

Der Sulzer, Ausgabe 300, April 2015, Seite ??

Liebe Leserinnen und Leser in und um Sulzbach,
viele Grüße aus Ihrem Partnerkreis Bassila in Benin, Westafrika. An welche Verkehrsmittel denken Sie, wenn das Wort „öffentlicher Personennahverkehr” fällt? Bus, Straßenbahn, Bahn oder Taxi?

In Bassila sieht er ganz anders aus. Seit ca. 2009 sind wir richtig modern: Es gibt jetzt regelmäßige Linienbusse von Cotonou ganz im Süden des Landes bis nach Tanguiéta im Norden. Bassila liegt direkt an der Route. Es gibt mehrere Busgesellschaften, die täglich verkehren, teilweise sogar mit mehreren Bussen. Diese Busse fahren streng nach Fahrplan. Wer für die Abfahrt von ATT nach Cotonou kurz vor 8 nicht da ist, kommt nicht mit, denn gewartet wird nicht. Diese Buslinien mit Fahrplan haben für Reisende und Geschäftsleute viel zum Guten geändert, denn nun kann man planen. Und wenn man am frühen Nachmittag in Cotonou ankommt, kann man sogar am Reisetag gleich noch etwas erledigen.

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Abfahrt von ATT nach Cotonou morgens um 8 Uhr

Alle anderen Verkehrsmittel haben keine Fahrpläne. Der Linienverkehr auf den Mittelstrecken in umliegende Kreisstädte wird weiterhin von “Buschtaxis” gemacht. Die übliche Distanz sind drei Reisestunden. Es gibt im Zentrum von Bassila Taxistationen für die verschiedenen Fahrtrichtungen. Nord, Süd, Ost, West. Ein Buschtaxi ist ein PKW oder ein Minibus, der Passagiere und Gepäck befördert. Meistens reisen die Passagiere innen und ein Großteil des Gepäcks auf dem Dach. Aus eigener Erfahrung empfehlen wir, lieber unter einem Motorrad zu sitzen als unter einer Ziege, denn beide lecken …

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Buschtaxi

Diese Taxis haben keinen festen Fahrplan, aber ein festes Reiseziel. Und sie fahren dann los, wenn sie voll sind. Manchmal muss man darauf lange warten. Es gibt genaue Fahrpreise und einen offiziellen Ticketverkäufer. Und jedes Taxi hat einen Fahrer und mindestens einen Azubi, weil auch immer viel zu laden und zu heben ist. Die Taxifahrer sind in einer offiziellen Gewerkschaft organisiert und überwachen sich gegenseitig. Alles ist ordentlich organisiert.

In einem Pkw-Buschtaxi sitzt man meistens zu viert in einer Reihe, und auf dem Beifahrersitz sitzen auch meistens zwei Personen, manchmal noch eine dritte Person auf der Handbremse. Ein europäischer Fünfsitzer wird also leicht zum Achtsitzer. Und in Minibussen werden die Sitze oft so umgebaut, dass 15 oder gar 19 Sitzplätze zur Verfügung stehen. Durch den engen Kontakt mit den Mitreisenden entsteht schnell ein Gemeinschaftsgefühl und Solidarität. Man schwitzt gemeinsam, bei Bedarf kann auch mal angehalten werden, und bei einer Panne, zu viel Matsch oder einer steilen Steigung schiebt man auch mal gemeinsam, oder wartet am Straßenrand auf Hilfe vom nächsten Taxi.

Man kann ein Buschtaxi auch komplett mieten, und an Markttagen fahren sie die jeweiligen Marktdörfer in der Umgebung an. Sie fahren auch regelmäßig nach Lomé, der Hauptstadt von Togo, um Gruppen von Marktfrauen zu befördern, die von dort ihre Waren beziehen.

In die umliegenden Dörfer gibt es meist nur am Markttag Buschtaxiverkehr. Sonst ist man auf den individuellen Nahverkehr angewiesen, die Motorrad-Taxis. Sie werden auch “Zémidjan” genannt, das Wort bedeutet “Bring mich schnell dorthin”. In Bassila gibt es viele davon. Sie bedienen alle Ortsteile sowie die benachbarten Dörfer. Man kann sie auch für längere Strecken mieten.

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Motorradtaxi

Ein Motorradfahrer im Uniform-Hemd befördert Personen und Gepäck. Marktfrauen, Hausfrauen, Landwirte, Schüler, Reisende, junge Leute, ganze Familien … Der Passagier (oder manchmal auch mehrere) sitzen hinter dem Fahrer, Kinder manchmal auch vor ihm. Gepäck wird auf dem Tank, dem hinteren Gepäckträger, manchmal auf dem Lenker und oft sogar auf dem Kopf des Passagiers befördert. Auch die Motorradtaxifahrer sind organisiert, alle haben eine Nummer, sie haben einen Vorsitzenden und eine Mitarbeitervertretung, und auch hier gibt es feste Tarife. Die Fahrer fahren entweder auf eigene Rechnung und besitzen ihr Motorrad, oder sie fahren für einen Chef. Für einige ist es auch einfach ein Nebenjob. An Markttagen sind sie immer ganz besonders beschäftigt. Und ihr Hauptquartier ist direkt an der Busstation, an der die Fernbusse aus Cotonou ankommen. Man kann also problemlos umsteigen und sich und sein Gepäck bis direkt vor die Haustür bringen lassen.

Hier in Bassila denken wir beim öffentlichen Personennahverkehr also an Fernbusse, Pkws, Minibusse und Motorräder. Aber das Prinzip ist das gleiche: Man kommt überall hin, wenn man weiß, wonach man Ausschau halten muss. Aber es ist immer ein bisschen mühsam. Und auch hier kaufen sich alle ihren eigenen fahrbaren Untersatz – ein Motorrad oder ein Auto, wenn sie es sich leisten können.

Bis zum nächsten Mal!

Viele Grüße,
Stefanie Zaske

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